“Du zweifelst eigentlich nicht an dir, sondern am System!”. Stille. Ich denke nach. “Du hast Recht”, antworte ich. Und das beruhigt mich irgendwie. Das, was der Mann an meiner Seite so gut zusammenfasst, ist das Ergebnis eines Gesprächs über Zukunftspläne und Gesellschaft.
Seitdem ich mein Studium in Bonn fortsetze, denke ich dauernd an meine Zukunft. Möglichst schnell studieren, möglichst viel ins Ausland, möglichst engagiert sein und ein Nebenjob wäre jetzt nicht nur aus finanzieller Sicht angebracht. Meine Gedanken beschränken sich aber nicht etwa auf die nahe Zukunft der kommenden zwei Jahre. Nein nein, ich schimpfe weiter. Darüber, dass sich die Deutschen nicht wundern müssen, dass Akademiker keine Kinder kriegen. Und dass ich nicht erst mit über 30 Mama werden möchte. Da rollt er schon mit den Augen, denn von Nachwuchsplanung kann noch keine Rede sein. Dafür rede ich von “Downshifting”, bevor ich überhaupt angefangen habe zu arbeiten. “Downshifting”, ein schickes neues (und natürlich englisches) Modewort, lässt sich holprig mit “einen Gang runterschalten” übersetzen und war das Thema eines Artikels, den ich letztens gelesen habe. Es ging darum, dass erfolgreiche Manager Mitte 30 der Familie und der Freizeit zuliebe ihre Arbeitszeit, ihre Verantwortung und damit auch ihr Gehalt verringerten. Toll fand ich das. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau kündigte ihren Job und leitet seitdem eine Jugendherberge. Ich sehe mich schon Hagebuttentee für 150 Schulkinder kochen, finde die Idee klasse und leide offensichtlich an Realitätsverlust.
Man könnte meinen, ich sei pessimistisch. Sind sowieso die meisten Deutschen, sagt das Manager Magazin in einer älteren Ausgabe. So ist das aber nicht! Da ist noch was anderes. Dass ich was kann, das weiß ich, aber wo ich es einsetzen will, das nicht. Ich glaube daran, dass man Spaß am Beruf haben kann und ich kann es kaum abwarten, mich für tolle Projekte einzusetzen. Aber mein Optimismus wird manchmal vom System der Gesellschaft - oder meinen Vorstellungen vom System - zerdrückt. Die Medien tragen dazu bei, indem sie den schwierigen Berufseinstieg und harte Konkurrenz prognostizieren. Und sogar mein Lieblingsdozent hat bei mir schlechte Laune verursacht, als er im Seminar davon sprach, dass wir nicht mit unbefristeten Verträgen rechnen könnten und Flexibilität an erster Stelle stehe. Kein Wunder, dass sich junge Menschen nach Sicherheit sehnen. Nach einer stabilen Beziehung zum Beispiel. Aber steht die nicht im Widespruch zur geforderten Flexibilität? Das alles macht mich ratlos. Ganz unabhängig von meinen persönlichen Fähigkeiten, auf die es scheinbar sowieso nicht ankommt.

