Am Sonntag habe ich meine fünfte und letzte Wohnung besichtigt. Das heißt zwar nicht, dass ich sie genommen habe, aber immerhin ist Sydney jetzt wieder mein Freund. Ich war richtig sauer auf diese Stadt, weil die Wohnungssuche so umständlich und alles so weit weg von meiner Uni ist. Am Sonntag habe ich also wie immer versucht, etwas früher an der Wohnung sein, um mir vorher noch die Umgebung anzugucken. Und wie immer hat das nicht funktioniert. Um 13 Uhr bin ich los gegangen, der Bus kam gute 20 Minuten zu spät um 13.30, um 14.00 bin ich das erste Mal umgestiegen, um 14.20 das zweite Mal, um 14.45 war ich in der Gegend, in die ich wollte, aber nicht an der am nächsten gelegenen Bushaltestelle. Der Bus dorthin fährt nämlich sonntags nicht. Großartig. Ich habe 15 Minuten zu Fuß gebraucht und sollte um 15 Uhr da sein. Immerhin nicht zu spät.
Die Wohnung lag in Mosman, einer der schönsten und reichsten Stadtteile Sydneys. Ich musste spontan an Blankenese denken. Es liegt direkt am Wasser, gegenüber vom Opernhaus und der Innenstadt. Mosman ist unglaublich grün, überall wachsen Palmen. Die Häuser sind auf kleinen Hügeln verstreut und manche haben Ausblick auf den kleinen Hafen von Mosman oder sogar auf Sydney City. Einen Strand gibt’s auch in der Nähe und viele Restaurants und Cafés. Klingt toll, oder? War auch toll. Mein Mitbewohner wäre Scott gewesen, ein 34-jähriger Filmstudent, der gerade einen professionellen Film dreht. Endlich mal ein Australier! Und ihr könnt es euch nicht vorstellen, die Wohnung war echt abgefahren, überall an der Wand hingen Skizzen von Kameraeinstellungen und Fotos von den Darstellern. Da hatten wir jedenfalls gleich ein gutes Gesprächsthema und er war auch sehr nett. Das Zimmer selbst bestand leider nur aus einem Bett und einem kleinen Schrank. Ich habe mich schweren Herzens aus zwei Gründen gegen diese Wohnung entschieden, erstens brauche ich einen Schreibtisch und zweitens sind zwei Stunden Anfahrtsweg zur Uni einfach zu weit, da hilft auch keine Hafenaussicht.
Nach der Besichtigung bin ich von Mosman aus mit der Fähre, zusammen mit vielen grauhaarigen Damen und Herren, in die City gefahren. Ich kam mir vor wie im Film und in meinem Bauch hat es ganz schön gekribbelt. Die Sonne schien, der Wind wehte mir um die Nase und ich bin auf den Hafen einer der tollsten Städte der Welt zugefahren. Das war schon ein Luxus, an den ich mich gerne gewöhnt hätte. Aber genug geschwärmt.
Bevor ich Scott abgesagt habe, war ich im Accommodation Office und habe nach einem Zimmer in den Uni-Apartments gefragt. Ich hatte Glück. Und sollte die gesamte Miete auf einmal bezahlen. Wie studentenunfreundlich ist das denn!? Das Limit meiner Kreditkarten ist zu niedrig und normalerweise habe ich auch keine 2000 Euro Bargeld bei mir. Mit Hilfe von Papa hat es dann aber doch geklappt und ich habe mir die Bude gleich mal angesehen. Es ist eine WG mit drei Zimmern, davon ist eins ein Doppelzimmer. Dort wohnen Liz aus Kanada und Shanna aus den USA. Das dritte Zimmer ist noch frei. Außerdem gibt’s ein Wohnzimmer, eine Küche und einen winzigen Balkon. Im Vergleich zu dem hotelähnlichen Residential College, in dem ich vorher war, ist es schon ein bisschen schäbbiger. Die Haustür klemmt, die Möbel sind schon sehr alt, die Wand ist dreckig und ich blicke jetzt nicht mehr auf eine ruhige Wiesen- und Palmenlandschaft, sondern auf eine große Straße. Aber die Mädels sind nett, es ist nah zur Uni und ich kann mir endlich selbst was zu essen machen. Mich wurmt es nur ein bisschen, dass ich „aufgegeben“ habe. Aber dafür habe ich interessante Erfahrungen gemacht und Teile von Sydney gesehen, in die ich sonst wahrscheinlich nie gefahren wäre.